Schlechte Zeiten für Jesus
17. Juli 2008

Endlich mal das Zeitgeschichtliche Forum hier in Leipzig besuchen. Schon wegen des großen Hinweises an der Tür:
Warnung!
Geschichte kann zu Einsichten führen
und verursacht Bewusstsein!
Falls man in Berlin jemandem – potenziellen neuen Vermietern beispielsweise – auf die Nase binden muss, dass man Orchestermusiker ist, kann man sich auf einiges gefasst machen. Beispielsweise auf die Nachfrage, was man hauptberuflich mache. Oder ob man Musik wirklich studieren könne. “Nee”, wollte ich dann immer sagen, “eigentlich bin ich Facharzt in der Charité, aber ich fahre jeden Abend in die Deutsche Staatsoper, um dort fünfstündige Wagner-Opern zu spielen.” Tatsächlich gesagt habe ich das nie. Aus Angst, der typische Berliner könnte es mit einem “ach so” abnicken.
In Leipzig ist das anders. Beim letzten potenziell neuen Vermieter folgte auf meine Angabe “Orchestermusiker” direkt die Nachfrage: “Im Gewandhaus?” Ehe ich mich versah, steckte ich mitten in einer Diskussion um Wagners Rienzi, angeblich klappernde Blechbläsereinsätze und die letzten Kritiken der Leipziger Volkszeitung. Klasse war auch der Anruf letzten Donnerstag. Da hatte mir der potenziell neue Vermieter eigentlich gar nichts Neues zur Mietsituation in Leipzig mitzuteilen, sondern wollte nur mal fragen, ob sich der Besuch des Konzertes am Freitag lohnen würde.
Nur eine Sorge verbindet sie alle, neue wie alte Vermieter:
“Haben Sie vor, in der Wohnung auch zu üben?”
Lang Langs Einspielung des zweiten Klavierkonzerts von Rachmaninow ist keineswegs unumstritten. Fehlende Stilsicherheit wirft man ihm vor. Zudem leidet die Aufnahme unter der starken Überbetonung des Klaviers im Vergleich zum Orchester. Trotzdem liebe ich diese CD. Diese Spielfreude! Der Schwung! Der Wille, aus jeder Stelle etwas Besonderes zu machen. Und wenn man dabei Vorgaben des Komponisten ebenso ignoriert wie gängige Erkenntnisse, wie man Rachmaninov eben zu spielen hat: Was solls. Das muss gerade einem so jungen Interpreten auch mal gestattet sein.
Heute abend spielt Lang Lang gemeinsam mit dem Gewandhausorchester unter Riccardo Chailly eben dieses Konzert im Gewandhaus zu Leipzig. Schon die Generalprobe am Freitag war die reinste Freude. Was bin ich dankbar dafür, meinen Beruf nicht nur wirklich gerne auszuüben, sondern es zu Sternstunden wie der heutigen den ganzen Tag über schon kaum mehr erwarten zu können, endlich zur Arbeit zu gehen.