Archiv für die ‘Musik’-Kategorie

Erinnerungsstücke

21. Februar 2008

In Geigenkästen befinden sich gemeinhin nicht nur Geigen und Geigenbögen, sondern des öfteren auch das eine oder andere Erinnerungsstück. Fotos von der Familie, von den Kindern, Postkarten mit kitschigen Motiven von Orten, die man nie gesehen hat, weil man in der jeweiligen Stadt nur zwischen Konzerthalle und Hotel gependelt ist. Manchmal finden auch Zeitungsausschnitte ihren Weg in den privaten Schrein. Ein solches Schmuckstück strahlte mich nun Anfang der Woche aus einem Kasten an:

Streichen gilt als Schönheitsreparatur, lautete die Überschrift.

Ein spanischer Abend

20. Februar 2008

Heute abend im Gewandhaus: Das Konzert “Musiker für krebskranke Kinder”. Mitglieder des Gewandhausorchesters, des mdr-Sinfonieorchesters und der Musikalischen Komödie spielten ein Benefizkonzert zugunsten der Elternhilfe für krebskranke Kinder Leipzig.

Diesmal unter dem Motto “Ein spanischer Abend”. Das letzte Stück war Ravels Bolero, danach applaudierten die Leute, pfiffen und trampelten mit den Füßen. Standing Ovations. Als Orchestermusiker, der die letzte Viertelstunde ziemlich langweilig fand, fängt man dann schon an zu überlegen, was die Anziehungskraft des Bolero eigentlich ausmacht. Wahrscheinlich ist die Sache ganz einfach:

Zu Beginn eine schöne Melodie in der Soloflöte, danach kann man zwölf Minuten schlafen und zum Schluss wirds ziemlich laut. Und laut ist immer gut. Hauptsache, es rappelt ordentlich in der Kiste.

Orchestermusiker entdecken Weblogs

13. Februar 2008

“Das Orchester” ist eine Zeitschrift für Orchesterkultur, die man als Musiker und Gewerkschaftsmitglied quasi automatisch bezieht, die wegen der Stellenanzeigen überwiegend von Musikstudenten konsumiert wird und die praktisch alles enthält, was für Orchestermusiker irgendwie von Interesse sein könnte. Von Interesse sind seit der aktuellen Ausgabe auch Weblogs.

Wie kommts? Durch das Blog Orchestermusikerin – Über das Leben mit der brotlosen Kunst… , in dem eine Trompeterin seit etwa einem Jahr über ihr Leben im Orchestergraben berichtet. Gretchens humorvoll geschriebene Berichte lese ich schon seit geraumer Zeit sehr gerne, denn irgendwie enthalten sie immer einen wahren Kern, auch wenn sie teilweise fiktional oder zumindest geschickt ausgeschmückt sind. So wie ich meinen Berufsstand kenne, sind wahrscheinlich gerade die beklopptesten Geschichten diejenigen, die sich tatsächlich so zugetragen haben.

Ein bisschen neidisch bin ich zugegebenermaßen, tut Gretchen in ihrem Blog doch gerade das, was ich hier im Bass-Blog auch gerne tun würde. Nur ist “Gretchen” eben ein Pseudonym. Wer weiß, in welchem Orchester sie tatsächlich spielt und welche ihrer Geschichten stimmen und welche nicht? Würde ich in größerem Stile Anekdoten aus meinem Berufsleben berichten, wäre erstens sowieso immer klar, dass sie aus dem Gewandhausorchester stammen, und anhand unserer Spielpläne und zeitlicher Zusammenhänge könnte man allzu oft als Besucher auch rekonstruieren, über welchen Dirigenten, Solisten oder Komponisten gerade gelästert wird. Nicht gut. Dabei pflegt das Gewandhausorchester durchaus einen eigenen, rauen und etwas bissigen Humor, der manchmal der Konservierung wert wäre. Wenn mal wieder über einen altersschwachen Dirigenten Kommentare der Marke “Der hat Stonehenge noch ohne Steine gesehen” fallen, wird das aber auch in Zukunft wohl eher nicht hier zu lesen sein. Es sei denn, jemandem von euch fällt eine elegante Lösung für dieses Dilemma ein.

Wie dem auch sei, Rüdiger Behschmitts kompletten Bericht unter dem Titel Orchestermusiker? – LOL! gibts auch online.

Archäologie

23. Januar 2008

Seit dreieinhalb Jahren habe ich nun sowohl mein Diplom als auch meinen Job hier in Leipzig. Dreieinhalb Jahre, in denen ich oft mit dem Orchester, seltener für Kammermusik und nie komplett alleine auf der Bühne stand. Nun steht das nächste Probespiel an und es wird Zeit, die damals so häufig gespielten Solokonzerte wieder auf Vordermann zu bringen.

Das erste Durchspielen des h-moll-Konzerts von Bottesini erinnerte mich frappierend an die Besichtigung der Akropolis im letzten Frühjahr. War ich im ersten Moment noch erfreut, wieviel der alten Pracht sich zumindest noch erahnen ließ, wurde mir bei einem Blick auf die Details schnell klar:

Mit etwas Staubwischen ist es hier nicht getan.

Best of

19. Januar 2008

New SoulNur kurz für den Eigenbedarf festgehalten: Das Beste am MacBook Air ist die musikalische Untermalung der Werbekampagne! Yael Naïms Gute-Laune-Song New Soul. So ein simples Liedchen, aber trotzdem könnte ich es unentwegt rauf- und runterhören. Mit dem Rest des schlicht Yael Naïm genannten Albums versuche ich derzeit warmzuwerden, bisher aber ohne großen Erfolg.

Statt Japan

17. Januar 2008

Riccardo Chailly

Niemand ist unersetzlich, heißt es. Häufig gebrauchte Worte, die wie Fotos in Falschfarben einen gewissen Realitätsbezug haben, aber trotzdem spürt man, dass irgendetwas an ihnen nicht stimmen kann. Ab und zu kommt dann das Leben vorbei und zeigt dir, wie unersetzlich ein Einzelner sein kann.

Riccardo Chailly ist erkrankt und die nächsten Wochen in Mailand in ärztlicher Behandlung. Die Konzerte in Leipzig werden ersatzweise von Axel Kober und Dmitri Kitajenko dirigiert, aber die für Anfang Februar geplante Japan-Tournee des Gewandhausorchesters wird nicht stattfinden können. Acht praktisch ausverkaufte Konzerte, unter anderem in der berühmten Tokyoter Suntory Hall, fallen ins Wasser.

Für mich bedeutet das erstmal nur zwei freie Wochen im Februar. Statt nach Japan könnte ich dann beispielsweise nach Bamberg fahren. Mal sehen. Möge der Maestro in der Zwischenzeit vollständig genesen und dann möglichst bald wieder in alter Frische bei uns am Pult stehen. Wir haben noch so viel vor!

Um ihrer selbst willen

3. Januar 2008

Wehmütig denke ich aber schon heute an die Zeiten zurück, als man in Leipzig Spielemusik noch zutraute, einen Abend lang auch losgelöst von ihren Spielen, auf sich allein gestellt überzeugen zu können. Und als man seinem Publikum noch zutraute, diese Musik um ihrer selbst willen wertschätzen zu können.

(komplett bei d-frag.de oder gamestar.de. Mein Gott, bin ich inkonsequent.)

Ahnest du den Schöpfer, Welt?

30. Dezember 2007

BeethovenMorgen fordert er also wieder sein Recht. Die neunte Sinfonie geht über den Sender, um 17 Uhr im MDR. Die Scheinwerfer werden wegen der Kameras heller strahlen als sonst, wir werden nach dem vierten Satz alle schweißgebadet sein, ich zumindest auch völlig entnervt, weil Kamera 2 ständig direkt neben mir hin- und herrollert, um die Holzbläser einzufangen.

Trotzdem, die Kamerafrau ist nett, wir versuchen uns gegenseitig nicht zu behindern, und irgendwie ist Sylvester so gänzlich ohne Beethoven inzwischen auch schwer vorstellbar. Hat sich einfach unabdingbar gemacht, der Schuft!

Frisches Harz

27. Dezember 2007

Pops Bass Rosin

Eigentlich ist die Sache ja ganz einfach: Wenn du ein Streichinstrument spielst, seifst du die Pferdehaare an deinem Bogen regelmäßig mit Baumharz (so-called Kolophonium) ein, damit die Bogenhaare beim Spielen nicht tonlos über die Saiten flutschen, sondern leicht kleben und die Saiten deines Instruments in Schwingungen versetzen können.

In der Praxis wird es natürlich etwas komplizierter. Das bei uns gerne verwendete Pops Bass Rosin ist eine sehr weiche Variante des Kolophoniums, die hervorragend greift, solange sie frisch ist, aber relativ schnell austrocknet, spröde wird und ihre sehr guten Klangeigenschaften Stück für Stück verliert. Problematisch ist das deshalb, weil man bei Pops seit einigen Jahren das Abfülldatum nicht mehr auf die Packungen stempelt. Was hier in Deutschland im Musikalienhandel herumsteht, kann durchaus Monate bis Jahre alt sein.

Um an Portionen zu kommen, die nach Möglichkeit nur einige Wochen alt sind, bezieht man seine “Talentschmiere” also am besten direkt dort, wo sie hergestellt wird. Was für unsere Bassgruppe heute hieß:

Wir haben Post aus Texas!

Das dort oben auf dem Foto ist mein Cake fürs neue Jahr und wird direkt mit Beethovens neunter Sinfonie eingeweiht. Dabei war das Cake von 2007 noch nicht mal zur Hälfte aufgebraucht.

Westenra in Endless Ocean

18. Dezember 2007

Hayley WestenraDie geballte Inkompetenz der vereinigten Videospielpresse ist mal wieder nur schwer zu ertragen. Diesmal geht es um die Musik in Nintendos Tauchsimulation Endless Ocean. Manche finden sie zuckersüß und kitschig, anderen gefällt sie ausgezeichnet, Grundtenor ist aber immer: »klingt wie Enya«. Ah ja. Warum wird kaum irgendwo erwähnt, um wessen Musik es sich wirklich handelt?

Die Songs in Endless Ocean stammen von der neuseeländischen Sopranistin Hayley Westenra. Ganz konkret handelt es sich um Titel aus Pure, Treasure und Odyssey (enthält »Prayer«, den Titelsong des Spiels).