Elizabeth – The Golden Age
Ein grandioser Film, vor allem dank Cate Blanchett – das war Elizabeth. Zwar nahm sich Regisseur Shekhar Kapur schon damals einige Freiheiten heraus, so dass wir William Cecil, der bis zu seinem Tode zu den zuverlässigsten Beratern Elizabeths zählte, in The Golden Age nicht mehr zu sehen bekommen, weil er im ersten Teil historisch inkorrekt in den Ruhestand geschrieben wurde. Nun geht Kapur allerdings noch deutlich weiter.
Im Vorgänger dienten die vielen kleinen “Korrekturen” an der Geschichte überwiegend dem Spannungsbogen des Films. Francis Walsingham beispielsweise zum Mörder der Marie de Guise zu erklären, war zwar Nonsens, ergab erzählerisch aber Sinn (Roger Ebert: “It didn’t happen like that in history, but it should have.”). The Golden Age kann das, trotz noch weitreichenderer Änderungen, nicht für sich in Anspruch nehmen. Ich ertappte mich im Gegenteil im Kino oft bei dem Gedanken, dass der Film viel spannender hätte sein können, hätte Kapur einfach erzählt, was tatsächlich passierte.
Walsingham war im ersten Teil noch eine spannende, weil zwiespältige Figur. Rücksichtslos und ohne moralische Skrupel, konnte man das, was er tat, bestenfalls gutheißen, weil er auf der richtigen Seite stand. Sein finaler Schlag gegen die Beteiligten der Ridolfi-Verschwörung war einer der Höhepunkte des ersten Films. Den Höhepunkt von Walsinghams tatsächlicher Karriere bildeten dagegen die Aufdeckung der Throckmorton- und der Babington-Verschwörung.
Von ersterer bekommen wir in The Golden Age nur am Rande etwas mit. Die Hinrichtung von Beth Throckmortons Verwandten dient Kapur filmisch vor allem dazu, Walter Raleigh Anlass und Möglichkeit zu geben, Beth zu trösten. Die Babington-Verschwörung wird im Film ausführlich abgearbeitet, aber auch entstellt. Da wird mal eben ein fiktiver Bruder für Walsingham erfunden, der dramaturgisch vollkommen unsinnig ist. Da wird Walsingham, der in Wirklichkeit den Schriftverkehr zwischen Babingtons Gruppe und Maria Stuart nicht nur mitlas, sondern vermutlich sogar manipulierte, um an einen Beweis für Marias Verrat an der englischen Königin zu kommen, zum Erfüllungsgehilfen der Spanier gemacht, deren Plan im Film es ist, Marias Hinrichtung herauszufordern, um frei Haus einen Kriegsgrund geliefert zu bekommen.
Auch wenn Clive Owens Verkörperung des Walter Raleigh immer noch angenehmer anzusehen ist als Joseph Fiennes’ Robert Dudley, so kann er doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Raleigh, der in Wirklichkeit knapp zwanzig Jahre jünger war als die damals über fünfzigjährige Elizabeth, hier aber älter aussieht, wie Owen auch tatsächlich älter als Blanchett ist, schlicht in zu vielen Szenen auftritt. Die komplett erfundene romantische Beziehung zu Elizabeth führt zu einigen wenigen denkwürdig schönen Momenten, vor allem aber zu vielen überflüssigen. Da geht Zeit drauf, die man in der Beleuchtung der Beziehung zwischen Elizabeth und Maria Stuart schmerzlich vermisst. Nach The Golden Age könnte man denken, die beiden hätten überhaupt keinen persönlichen Kontakt gehabt.
Von der abschließenden Darstellung der Seeschlacht gar nicht zu reden. Die Engländer hatten von Anfang an die schnelleren und wendigeren Schiffe sowie Kanonen mit größerer Reichweite. Die auf Kämpfe in kurzer Distanz eingestellten Spanier schafften es durch strikte Einhaltung der Formation zwar bis nach Calais, dort gelang es den Engländern aber, mittels Brandschiffen die Formation aufzubrechen und sich einzelne Schiffe vorzunehmen. Walter Raleigh war, im Gegensatz beispielsweise zu John Hawkins und Francis Drake, an all dem überhaupt nicht beteiligt.
Unterm Strich also ein Film, auf den ich lange gewartet habe und den ich nur allzu gerne gemocht hätte, der letztendlich aber jeden Sympathievorschuss mit mir völlig unverständlichen Schlampereien im Drehbuch verspielt. Die wiegen so schwer, dass nicht einmal eine Cate Blanchett in der Rolle ihres Lebens dagegen ankommt.