Inception
Zweimal habe ich Inception bisher gesehen. Einmal auf Englisch. Hinten links im Kino. Dort, wo die Musik schön laut ist und die Dialoge so leise, dass man nur grob die Hälfte versteht. Einmal auf Deutsch. Danach dachte ich, ich hätte ihn verstanden. Alles war so schön klar und eindeutig. Nun, ein paar Tage später, ist meine Meinung über die Handlung aber doch wieder eine ganz andere. Die halte ich, mit jeder Menge Spoilern, nun fest. Für später.
Habe ich direkt nach dem zweiten Sehen noch vermutet, dass Cobb tatsächlich wieder in der Realität aufwacht, tendiere ich nun eher dazu, anzunehmen, dass er auch am Schluss noch träumt. Dass der Film in seiner Gesamtheit nichts anderes ist als ein Traum Cobbs. Nicht eine Szene ist hier wirklich real. Wie ich darauf komme?
- Der erzählerische Hintergrund der “Realität” ist traumhaft dünn. Die Technik des Dreamsharings wird nie erklärt. Nolan erklärt durch Ellen Pages Figur den halben Film hindurch die Methodik, so lange bis nach der Technik niemand mehr fragt.
- Der Hintergrund der globalen Super-Corporations ist erzählerischer Mist, der so doch höchstens in Videospielen durchgeht. Nolan weiß das nicht nur, Mal fragt Cobb sogar explizit in einer Sequenz, von der wir wissen, dass sie ein Traum ist, ob er wirklich glauben würde, dass diese Welt, in der er rund um den Globus verfolgt wird, real sei. Caines Figur sagt Cobb schon im ersten Filmdrittel, er möge in die Realität zurückkehren.
- Die Verfolgungsjagd in Mombasa. Natürlich akzeptiert man als routinierter Videospieler und Filmegucker, dass die Action in dieser Szene, die Geschwindigkeit, die Akrobatik, das Herumballern in der Menge, in der Realität gar nicht möglich wäre. Wir sind ja im Film. Aber Mombasa ragt auch innerhalb des Films heraus. Die Jagd ist unglaubwürdiger als praktisch alles, was bspw. in der James-Bond-Festung passiert. Das Feststecken zwischen zwei immer näher zusammenrückenden Wänden ist eine klassische Traumsequenz. Und natürlich taucht aus dem Nichts Saiko auf. Das ergibt wirklich nur im Traum Sinn.
- Wie stellt Cobb fest, ob er noch träumt? Er hat kein eigenes Totem. Er benutzt das Totem einer Person, die sich ziemlich sicher war, noch in einem Traum zu stecken.
- Totems dienen, wie ausdrücklich erklärt wird, nur dazu, festzustellen, ob man im Traum einer anderen Person steckt. Weil die natürlich nicht wissen kann, wie sich das Totem verhalten sollte. Wenn der ganze Film einzig ein Traum Cobbs wäre, könnte ein Totem ihm nicht verraten, ob er träumt oder nicht. Ob das Ding am Schluss umfällt oder nicht, ist bedeutungslos.
- Cobb betritt die verwüstete Hotelsuite, die seine Frau und er wohl schon seit Ewigkeiten jährlich buchen, geht ans Fenster und Mal sitzt ihm gegenüber! Warum?
- Cobb erklärt Ariadne, in Träumen würde alles ganz real erscheinen und erst nach dem Aufwachen würde man bemerken, was alles keinen Sinn ergeben hätte. Saikos plötzliches Auftauchen in Mombasa ist unlogisch, aber man kauft es Nolan ab, solange der Film läuft. Dass Mal am Fensterbrett gegenüber von Cobb sitzt statt auf seiner Seite, kauft man, obwohl es unlogisch ist. Man kauft sogar, dass Ellen Pages Figur, die hier nicht nur Labyrinthe baut, sondern dem Team am Ende aus dem Traum zu entkommen hilft, Ariadne heißt. Ja, genau wie die Frau, die Theseus half, aus dem Labyrinth des Minotaurus zu entkommen.
- Ein Punkt, für den Inception oft kritisiert wird: Bis auf Cobb sind sämtliche Charaktere blass. Und zwar nicht nur, weil sie keine Entwicklung durchmachen. Wir erfahren über die meisten handelnden Personen nichts. Gar nichts. Sie haben keine Geschichte. Das ist so offensichtlich, dass ich denke, dass die Kritik daran unangebracht ist, weil die Personen absichtlich blass sind. Außer Cobb, der das alles träumt, existiert hier niemand wirklich.
- Der gesamte Schluss ab dem Erwachen im Flugzeug ist als Traum inszeniert. Dominante Musik mit Anklängen an die Limbus-Szenen, Zeitlupen. Nicht nur sieht Cobbs Haus immer noch genauso aus wie zuvor im Traum. Seine Kinder sind, obwohl Jahre vergangen sein sollten seit dem Tod seiner Frau, immer noch genauso alt, sitzen in genau derselben Position im Garten, die er zuvor geträumt hat und tragen, wenn ich mich nicht allzu sehr irre, sogar dieselbe Kleidung wie zuvor im Traum.