Crème de la Zehn
2010 sind zwei Wunder geschehen. Im November erschien Gran Turismo 5 und der ewige PC-Spieler der Polyneux-Brigade stellte sich eine PS3 unter den Plasmafernseher. Für einen Bluray-Player war die Zeit sowieso langsam reif. Seit über einem Monat versuche ich nun zu ergründen, was genau an der schwarzen Schachtel, an der sich so vieles gestrig und verstaubt anfühlt, Leute zu der Annahme verleitet hat, Konsolen würden dereinst dem PC als Spieleplattform den Todesstoß versetzen.
Seit dem Erscheinen der sogenannten Next-Gen-Konsolen verlagerten viele Publisher ihre Aktivitäten weg vom PC, hin zu den vermeintlich sichereren Einnahmequellen. Dabei ging es nicht darum, welche Spieleplattform die bessere ist, sondern auf welcher sich potenziell am meisten Geld verdienen lässt. Vor vier Jahren sah es so aus, als würde diese Entwicklung dem PC schaden, heute muss man jedoch festhalten, dass sie der Plattform eher genutzt hat.
Die Aufrüstungsspirale, die ständig zu neuen Hardware-Investitionen zwang und wegen der viele Spieler der Plattform PC den Rücken gekehrt haben, existiert heute praktisch nicht mehr. Ursache sind die Dominanz von Multiplattformtiteln und dass beide Next-Gen-Konsolen der aktuellen Grafikhardware auf dem PC inzwischen etwa drei Generationen hinterherhinken.
Mein aktueller PC ist vier Jahre alt. Das ist für mich Rekord! Keiner seiner Vorgänger hat bei mir auch nur annähernd so lange durchgehalten, jeder seiner Vorgänger wurde mehrmals aufgerüstet. Mein aktueller PC hat 2008 eine neue Grafikkarte erhalten, weitere Investitionen sind für die nächsten Jahre nicht geplant. Wofür auch? Klar gibt es da draußen inzwischen potentere Hardware, aber was momentan in dem grauen Kasten steckt, reicht locker, um so gut wie jeden Multiplattformtitel schneller und mit hübscherer Grafik auf den Schirm zu zaubern, als 360 und PS3 das könnten.
Need for Speed: Hot Pursuit deklassiert in der PC-Fassung die Konsolenfassungen grafisch geradezu, spielt sich dank Xbox-360-Pad auf dem PC aber auch nicht anders als auf dem Fernseher. Kaufe ich Darksiders jetzt für 30 Euro für die PS3 oder kaufe ich für 7 Euro die Fassung mit Steam-Achievements, 360-Pad-Unterstützung und der besseren Grafik? Absoluter Nobrainer.
Auch im Umgang mit physischen Datenträgern sowie mit Patches gebärdet sich die PS3 auf eine Weise, die ich als klassischer PC-Spieler längst überwunden glaubte. Das letzte PC-Spiel, dass ich auf DVD kaufte, war StarCraft II. An das vorletzte kann ich mich nicht erinnern. Muss Jahre her sein. Leute, es gibt Steam und andere Download-Portale! Silberscheiben sind passé! Fiese Kopierschutztreiber, die PC-Neustarts erzwingen, sind passé! Dauerhaftes Onlinesein erzwingt kaum jemand außer Ubisoft, und die haben schlicht den Schuss nicht gehört.
Und auf einmal kommt die PS3 und will, dass ich, wenn ich nach vier Stunden Final Fantasy XIII noch einmal in Gran Turismo 5 über den Nürburgring fahren will, von der Couch aufstehe und durch das halbe Wohnzimmer laufe, um die Bluray zu wechseln? Das hat der PC von mir seit Ewigkeiten nicht verlangt.
Gran Turismo 5 hat im ersten Monat nach Release fünf Patches gesehen. Kaum einer war kleiner als 100 Megabyte, der letzte hat die 600-Megabyte-Latte locker übersprungen. Eine solche Historie haben zwar selbst PC-Spiele selten vorzuweisen, das ist aber nicht einmal das Schlimmste. Die PS3 ist unfähig, auch bei Nicht-PlayStationPlus-Abonnenten Patches automatisch im Hintergrund herunterzuladen und zu installieren, wie es beispielsweise Steam auf dem PC seit Jahren beherrscht. Nein, erst wenn ich GT5 starten will, fällt der schwarzen Diva auf: „Ach Gott, ich hab ja gar nichts anzuziehen da erst noch ein halbes Gigabyte an Daten durch die Leitung zu ziehen!“
In solchen Momenten könnte ich kotzen. So viele schlechte Eigenschaften des PCs von vor fünf Jahren wurden auf die Konsolen hinübergerettet, während der PC selbst diese Scheiße längst überwunden hat.
Aber kommen wir endlich zu meinen Spielen des Jahres 2010:
Der beste interaktive Film
Dieser Preis sollte eigentlich an Heavy Rain gehen. In einem Anfall von Bösartigkeit hat Square Enix Final Fantasy XIII allerdings so rabiat zusammengestrichen, dass kaum mehr als ein interaktiver Film übrig blieb. Unter dem Strich eine kluge Entscheidung, denn in der Rollenspiel-Kategorie hätte man es gegen Mass Effect II schwer gehabt, während ein Sieg nach Punkten gegen Heavy Rain relativ leicht zu erringen ist. Die Geschichte von Heavy Rain ist und bleibt völlig Banane, für ein Whodunnit erschreckend schlecht konstruiert. Wie könnt ihr das gut finden?
Außerdem ist, gestehen wir es uns ein, der versammelte Cast von Cages Machwerk Dreck unter den Fingernägeln im Vergleich zu Lightning.
Der schönste Sandkasten
Dieser Preis sollte eigentlich an Minecraft oder Red Dead Redemption gehen. Die habe ich aber beide nicht gespielt. Just Cause 2 dagegen schon. Die Action ist over the top, die Geschichte albern, verlangt von mir aber genau das, was in Sandboxspielen sowieso am meisten Spaß macht. Scheiße bauen. Chaos stiften. In GTA IV habe ich die Story bis an den Punkt gespielt, an dem ich die gesamte Spielwelt betreten konnte. Hier kann ich das von Anfang an und der komplette Spielinhalt ist das, was ich in GTA gemacht hab, als ich auf Story keinen Bock mehr hatte.
Das schönste Comeback
Anfang 2010 hatte ich gehofft, das schönste Comeback des Jahres würde das der Patrizier-Reihe werden. Völlig unberechtigt war die Hoffnung nicht, steckt doch Daniel Dumont hinter Teil 4, der mit Patrizier II, Port Royale und Dark Star One für die besten Spiele verantwortlich ist, die Ascaron jemals auf den Markt gebracht hat.
Die Möglichkeit, aus Patrizier IV mehr zu machen als ein Grafikupdate für Teil 2, hat man aber nicht wahrgenommen. Die Bedienung wurde teilweise, wie in der Kontorverwaltung, sinnvoll gestrafft und vereinfacht, andernorts ist sie aber weiterhin ziemlich unhandlich. Die Verwaltung der Handelsrouten zum Beispiel hätte man bei gleichbleibender Komplexität auch eingängiger lösen können. Ansonsten enthält das Spiel auch nach dem dritten Patch immer noch zu wenig Missionen, zu wenig Zufallsereignisse, zu wenig, was man nicht schon in Patrizier II Gold gesehen hätte, um auf Dauer interessant zu bleiben.
Scheiß drauf. Überhaupt wieder in die Zeit der Hanse abtauchen zu dürfen, in einem hübschen und quasi bugfreien Spiel, machte mich immens glücklich. Der Preis für das schönste Comeback geht an Patrizier IV.
Die Königin der Herzen
… ist Recette Lemongrass. Ihr Recettear ist das erste japanische Independent-Spiel, das es über Steam in den Westen geschafft hat. Einerseits ein Rollenspiel mit zuckersüßer Grafik und japanischer Sprachausgabe, niedlich bis an die Schmerzgrenze. Andererseits ein Titel, der sich so nah an gesellschaftliche Probleme wie Überschuldung, Arbeits- und Obdachlosigkeit, an die Negativseiten des Kapitalismus generell heranwagt wie nur wenige andere Spiele in den letzten Jahren.
Nach dem spurlosen Verschwinden ihres Vaters muss Recette den Kredit, den er ihr hinterlassen hat, baldmöglichst zurückzahlen, um das Häuschen, in dem sie wohnt, nicht zu verlieren. Sie tut das, indem sie im Erdgeschoss einen Item Shop eröffnet und fortan strahlenden Helden für deren Dungeon-Expeditionen die Ausrüstung verkauft.
Die Herausforderungen dabei sind, möglichst günstig an exzellente Ware zu kommen und seine Kunden besser kennenzulernen. Nur wenn man auf den Geschmack und die Ansprüche jedes einzelnen Kunden eingeht, kann man ihnen Maximalbeträge aus der Tasche ziehen. Das alles natürlich für einen guten Zweck: hat Recette zum allwöchentlichen Zahltag das Geld für die Ratenzahlung nicht beisammen, landet sie auf der Straße.
“Capitalism, ho!”
Auf der sehr guten Grundidee ruhten sich Recettears Schöpfer glücklicherweise nicht aus. Über zehn bis fünfzehn Stunden hinweg zaubert das Spiel – immer wenn man meint, jetzt aber alles gesehen zu haben, was dieser Indie-Titel zu bieten hat – neue Ideen aus dem Hut, mit letztendlich deutlich mehr Fokus auf den Spielablauf als auf die Botschaft. So steigt man zum Beispiel eher früher als später doch wieder selbst in Dungeons herum. Das ist bei der Ausrichtung des Spiels zwar eigentlich inkonsequent, macht aber Spaß! Also was soll’s?
Kurzum: Wer Recettear nicht mag, hat kein Herz.
Das Einzige, was mich wirklich stört, ist, dass dieses am Besten mit dem Gamepad zu steuernde Spiel ausschließlich für den PC erschienen ist. Gerade Recettear hätte ich nun gerne auf dem Fernseher gespielt.
(auch bei polyneux.de)