Spielerisch foltern

Mit Moral ist das in Videospielen so eine Sache. Die Problemlösungsstrategie Nummer Eins in World of Warcraft ist nun einmal, die Problemverursacher möglichst schnell über den Jordan zu befördern. Angesichts dessen erscheint es möglicherweise seltsam, dass die Quest, mit der ich in Wrath of the Lichking bisher am meisten Schwierigkeiten hatte, ausgerechnet zu denen gehört, in denen man niemanden töten muss.
Man muss nur einen Zauberer, den man kurz zuvor gefangen hat, zum Aufenthaltsort einer Entführten befragen. Die Befreiung der unschuldigen Lady Evanor sollte dabei doch Motivation genug sein, bei der Wahl der Mittel nicht so zimperlich zu sein, oder? Jedenfalls ist Bibliothekar Normantis dieser Ansicht, der die Anwendung eben jener Mittel trotzdem liebend gerne uns überlässt, anstatt sich selbst die Hände schmutzig zu machen.
In den Kellern der Festung Wintergarde werden wir später Zeuge, wie selbst die Sendboten des Lichts, immerhin der höchsten moralischen Instanz in World of Warcraft, ihre Regeln so weit dehnen, bis Gewaltanwendung bei Befragungen plötzlich okay ist. Wir nennen das dann nicht Folter, sondern Predigt. Von der vom Wyrmruhtempel ausgehenden Questreihe für den schwarzen Drachenschwarm gar nicht zu reden: Mögen die Kultisten, die wir bekämpfen, auch lautstark um ihr Leben flehen – wir strecken sie alle nieder! Keine Gnade für die Anhänger des Bösen.
Mich stellt das – stärker als jemals zuvor in diesem Spiel – vor ein Problem. Moralische Entscheidungen sind im Questsystem von World of Warcraft schlicht nicht vorgesehen, weshalb ich lediglich die Wahl habe, entweder auszuführen, was das Spiel verlangt, oder aber die Aufgabe gar nicht erst anzunehmen und dadurch wichtige Momente der Geschichte zu verpassen, weil ich für mich unproblematische Folgequests erst nach Erledigung des Zwischenschritts angeboten bekäme. World of Warcraft erzählt seine Story entweder wie vorgesehen oder es erzählt sie gleich gar nicht. Dumm nur, wenn dafür Dinge von mir verlangt werden, die ich einfach nicht tun kann und die ich nicht einmal rollenspielerisch rechtfertigen kann, weil auch meine Druidin Dania so etwas niemals tun würde. Die Sache sähe anders aus, würde ich einen der neuen Todesritter spielen, gar keine Frage.