That wildcat behind the wheel
Schätzungsweise einhundertvierzig Personen haben am jüngsten Sproß der Gran-Turismo-Reihe mitgearbeitet. Darunter müssen so einige Fans von Progress Quest gewesen sein. Anders lässt sich kaum erklären, wie es der B-Spec (mal wieder) ins Spiel geschafft hat, ein Modus, bei dem man, anstatt selbst zum Lenkrad zu greifen, lediglich der KI beim Fahren zuschaut.
Bevor wir uns in die B-Spec-Events stürzen können, müssen wir einen KI-Fahrer erstellen. Die Eigenschaften des Fahrers werden dabei – wie in Progress Quest – zufällig zusammengewürfelt. Passen sie uns nicht, würfeln wir so lange erneut, bis uns das Ergebnis zusagt. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, einen Fahrer zu erschaffen, der eklatant gut bremsen und sonst eigentlich gar nichts kann, habe aber kein Würfelglück. Mein Fahrer bekommt stattdessen einen besonders guten Wert im Kurvenfahren.
Auch der Name des Fahrers wird zufällig aus einer großen Nachnamen-Datenbank gefischt. Ich würfle im dritten Anlauf “S. Bullock” zusammen. Mein Nachbar findet das unheimlich komisch, denn Gran Turismo 5 ist das weibliche Geschlecht im Grunde unbekannt. Im sexistischsten Spiel des letzten Jahres gibt es ausschließlich männliche Fahrer. Ich beschließe, es trotzdem bei dem Namen zu belassen.
Bei ersten Versuchen auf der Rennstrecke stellt sich Sandra leider nicht allzu geschickt an. “Sicher, dass mit ‘Kurven’ ihr Skill und nicht ihre Figur gemeint ist?”, ätzt der Nachbar.
Vier verschiedene Kommandos kann man den Fahrern zufunken: Fahr schneller, fahr langsamer, behalt die Geschwindigkeit bei, überhole. Ein praktischer Effekt der Kommandos lässt sich kaum ausmachen. Sicher überholt Sandra ab und zu mal irgendwen, manchmal sogar kurz nach dem entsprechenden Kommando. Aber hätte sie den anderen nicht auch überholt, wenn ich nichts gesagt hätte?
Man stelle sich einen breit grinsenden, kleinen Japaner vor, überglücklich, weil von Millionen GT5-Spielern auf der ganzen Welt nicht ein einziger bemerkt hat, dass er (der grinsende Japaner) vergessen hat, die Kommandos tatsächlich irgendwie mit der KI zu verkabeln. Deshalb hat er seinen Job noch. Richtig notwendig sind die Kommandos glücklicherweise nicht, es gibt nämlich eine weit einfachere und nachvollziehbarere Möglichkeit, Einfluss auf den Rennausgang zu nehmen: wir tunen Sandras Karre bis zum Anschlag.
Wer im A-Spec-Modus schon etwas weiter ist und eine entsprechend vollgestellte Garage hat, kann sich hier bedienen und Sandra für das Kleinwagen-Rennen den Ferrari leihen. Damit ist sie ziemlich sicher schon am Ende der Startgeraden auf Platz 1. Was sollen die anderen Pfeifen in ihrem Corsa oder Punto schon machen?
Mehr Interaktion seitens des Spielers ist in den nächsten fünfzehn Minuten nicht erforderlich. Man muss erst wieder aufs Knöpfchen drücken, um den Gewinn abzuholen und das nächste Rennen auszuwählen.
Was ich alles schon getan habe, während Sandra Rennen fuhr:
- staubsaugen
- mit Oma telefonieren
- ein Mittagsschläfchen halten
- “Tristan und Isolde” hören (viereinhalb Stunden! das lohnt!)
Das Einzige, was mit der Zeit nervt, ist, dass man alle Viertelstunde halt doch mit dem Spiel interagieren und ein neues Rennen auswählen muss. Könnte Polyphony mit einem zukünftigen Patch nicht so eine Art Batch-Modus einführen? Damit wäre man ein deutliches Stück näher am Geist von Progress Quest. Ich könnte Sandra morgens auftragen, zwanzig Mal den Oldtimer-Weltcup zu fahren, während ich arbeiten gehe. Sie verdient virtuelles Geld, während ich die realen Moneten heranhole. Hätte das nicht was?
Nein. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich seid ihr inzwischen, so wie auch ich, zu dem Schluss gekommen, dass der B-Spec völliger Quark ist. Erst ein langer Nachmittag mit Lebkuchen und Dresdner Christstollen Ende Dezember hat mich eines Besseren belehrt. Gran-Turismo-Fans beim Kaffeetrinken. Natürlich will jeder von uns selbst ans Steuer, andererseits sind mit Fett, Schokolade und Puderzucker beschmierte Finger nur begrenzt Controller-tauglich. Und siehe da: der B-Spec-Modus rettet uns. Sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass Sandra mal nicht nach zweihundert Metern schon auf dem ersten Platz oder hoffnungslos abgehängt ist, sondern sollte Sandra ausnahmsweise um einen Platz auf dem Treppchen kämpfen müssen, dann ist der B-spec plötzlich spannend! Da wird mitgefiebert! Da wird angefeuert! Ich würd’s nicht glauben, hätte ich es nicht selbst erlebt.
(auch bei polyneux.de)